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„Entwicklung ist unsere Leidenschaft“

Vor 14 Jahren haben sich Karin Pichler und Christian Haintz kennengelernt. 3 Jahre später haben die beiden ihr erstes Startup gegründet. Heute leiten sie gemeinsam die Consulting-Firma carrot & company und das Erfolgsstartup feedbackr. Im gemütlichen Gespräch erzählen sie von der Sucht nach neuen Ideen, gelernten Lektionen und was mit 160 Euro Startkapital alles erreicht werden kann.

Wer schon einmal bei einem unserer Startup Spritzer war, kennt dieses Tool: feedbackr. In Echtzeit werden Umfragen durchgeführt und Meinungen eingesammelt. Das Audience-Response-System wird in den drei Bereich Education, Event und Business verwendet. Wie Karin Pichler und Christian Haintz dieses Erfolgsstartup gegründet haben, erzählen sie in ihrer Success Story!

Euer erstes Startup Carrot Server habt ihr als Studenten gegründet. Welches Problem wolltet ihr lösen?

Christian: Ich habe 2004 für meine Bachelorarbeit (Anm.: Softwareagentur in verteilten Systemen) mehrere Systeme gebraucht. Das Angebot am Markt war schlecht, deshalb habe ich mir notgedrungen selbst etwas basteln müssen, um meine Hypothese beweisen zu können. Irgendwie hat das dann so gut funktioniert, dass Unifreunde das System auch nutzen wollten. Ich wollte diese Idee dann in ein kleines Unternehmen umwandeln, das mir das Studium finanziert. Ziemlich zeitgleich habe ich Karin kennengelernt und 2007 haben wir dann gegründet.

Konntet ihr euch eine eigene Firma überhaupt leisten?

Christian: Mit einem beschränkten Budget als Student – 160 Euro Startkapital – konnten wir die Hardware für einen Monat mieten. Nach drei Wochen waren wir dann Break-even. Ohne unsere Arbeitszeit miteingerechnet. Das ist dann sukzessive gestiegen, mit 5 bis 6 zahlenden Kunden pro Monat. Wir sind weiter gewachsen und erreichten am Ende 15 verschiedene Länder und 600 zahlende Kunden.

Obwohl das Startup erfolgreich war, habt ihr es abgegeben. Warum habt ihr das getan?

Karin: Es war ein Scheideweg. Wir hätten es professionell aufziehen können. Das heißt eine eigene Hardware in einem Rechenzentrum kaufen, damit wir nicht mehr von Hardware-Hostern abhängig sind. Das war aber sehr kostspielig.

Christian: Der Punkt ist der: Man kann sich das Studentenleben recht schnell finanzieren. Aber ein normales Leben, mit mehr Verdienst und Weiterentwickung, geht sich damit nicht aus. Deshalb meinten wir auch, entweder wir lassen es oder wir machen es groß, damit es dementsprechend mehr trägt.

Karin: Wir waren da schon recht weit und hatten bereits Angebote für Hardware und Finanzierung eingeholt. Es war letztendlich ein Bauchgefühl, das uns gesagt hat: Wir lassen es.

Habt ihr das jemals bereut?

Christian: Nein, dass wir es aufgegeben haben nicht. Natürlich war es rückblickend eine schöne Zeit, aber es war ein anderes Leben. Wir mussten damals 24/7 erreichbar sein. Es gab keinen Urlaub, wo der Laptop nicht dabei war. Und weil der Teufel nie schläft, ist meistens im Urlaub irgendein Hardwaredefekt aufgetreten.

Karin: Es war, glaube ich, eine gute Entscheidung. Vor allem, weil dann große Konzerne wie Google und Amazon ihre Cloudlösungen auf den Markt gebracht haben. Da hätten wir nicht mithalten können.

Christian: Kann man nicht sagen. Vielleicht hätten sie uns gekauft?

Karin: Möglicherweise, das weiß keiner.

Wir waren Studenten, wir hatten sowieso nichts.

Viele gründen nicht, weil es zu unsicher und riskant ist. Hat euch das nicht abgeschreckt?

Christian: Nein. Karins Einstellung hat uns da sehr geholfen. Seit Beginn ist das ihre Fragestellung: „Was ist das Schlimmste, das uns passieren kann?“. Wer sich dessen einmal bewusst ist und sich mit dem Schlimmsten arrangieren kann, hat keine Angst mehr. Außerdem sind wir in einer glücklichen Situation gestartet. Wir waren Studenten, wir hatten sowieso nichts.

Außer den 160 Euro Startkapital.

Christian: Genau. Viele Studenten haben ja nicht so viel Geld zur Verfügung. Das heißt, das Schlimmste das uns hätte passieren können ist, dass eine Idee nicht funktioniert und wir arbeiten hätten müssen.

Karin: Und das wäre auch nicht schlimm gewesen.

Christian: Wer in einer anderen Lebensphase einsteigt, stellt sich natürlich die Frage, wie gut man abgesichert ist. Aber sich bewusst zu machen, was das Schlimmste wäre, hat uns eigentlich durch jede Krise in den letzten 11 Jahren gebracht.

Beim letzten Startup Spritzer präsentierten ihre Success Story – Foto: Raphael Prinz

Der größte Erfolg kam aber dann mit Feedbackr, ein Audience-Response-System. Wie entstand die Idee dafür?

Karin: Feedbackr war eigentlich ein gemeinsames Projekt mit unserem Professor Martin Ebner. Er ist für E-Education an der TU Graz zuständig. Mit ihm gemeinsam ist auch die Idee entstanden. Das Problem war, dass bei großen Vorlesungen mit 500-600 Leuten im Hörsaal, sich keiner traut, aufzuzeigen. Kaum einer sagt zum Vortragenden: „Entschuldigung, das habe ich nicht verstanden. Könnten Sie das bitte wiederholen.” Das wollten wir mit Feedbackr lösen. Wir wollten das Anonymisieren für jeden möglich machen.

Habt ihr euch damals vorstellen können, dass das so gut funktionieren wird und so viele Leute anspricht?

Karin: Für mich war es ehrlich gesagt eher immer ein Prototyp. Feedbackr sollte zeigen, dass das anonyme Interagieren etwas bringt. Dass es dann so gut funktioniert, hat sich für mich erst nach und nach gezeigt. Auch weil immer mehr Lehrende feedbackr verwendeten und begeistert davon waren.

Ihr habt schon einige Male gegründet. Wird Feedbackr euer letztes Startup sein?

Christian: Definitiv nicht die letzte Idee. Wir sind – leider oder Gott sei Dank – sehr kreativ. Wir sehen viele Probleme und tüfteln auch immer an Lösungen. Welche wir davon umsetzen, können wir noch nicht sagen.

Jeder Gründer will irgendwie auch die Welt besser machen

Wird man irgendwann süchtig danach, neue Ideen zu entwickeln?

Christian: Ja, definitiv. Wer ein Startup gründet, möchte ja irgendwie auch die Welt besser machen. Das Startup soll zumindest ein Problem aus der Welt schaffen. Und ist das Problem gelöst, geht man das nächste an.

Karin: Das stimmt. Aber auch der Prozess von „Ich habe eine Idee, wie mache ich das zum Produkt?“ ist einfach irrsinnig spannend. Wir lernen jedes Mal extrem viel dazu.

Stoßt ihr da auch immer wieder auf neue Hindernisse?

Christian (lacht): Tagtäglich. Die Success-Story beim letzten Startup Spritzer war ja auch ein großes „Lessons learned“. Wir denken, das bringt mehr als die Erfolgszahlen. Es gibt jeden Tag neue Herausforderungen und man wird jeden Tag ein bisschen weiser und besser.

Karin: Die Fehler macht man dann meistens auch kein zweites Mal. Wir lernen immer dazu. Es macht Spaß, ein neues Produkt zu entwickeln und zu wissen, wie man das am geschicktesten angeht.

Ihr sagt, Gründer müssen immer weiter lernen. Welche Tipps habt ihr noch für Neugründer?

Karin: Ich finde am wichtigsten ist es, die Idee so früh wie möglich zu testen. Sonst ist unklar, ob es einen Markt dafür gibt. Das kann vor allem für Techniker oft schwierig sein. Die haben nämlich oft eine Vision, was das Ding letztendlich können soll. Der Kunde sieht das aber meistens anders. Da kann es dann passieren, das am Kunden vorbei entwickelt wird oder das Produkt so nicht gebraucht wird. Außerdem sollen Gründer auch immer Feedback von Freunden einholen. Über die Idee zu reden, eröffnet neue Sichtweisen.

Christian: Als Neugründer vergleicht man sich auch oft mit den erfolgreichen Startups. Im Endeffekt machen die aber genauso viele Fehler. Wie ein Unternehmen mit diesen Fehlern umgeht, macht den Unterschied aus.

Ihr seid ja ein richtiges Gründerduo. Wie schwer ist es, ein Team zu finden, das zu euch und zum Startup passt?

Karin: Ich glaube, wer ein Team haben möchte, muss generell darauf achten, dass es gut passt. Das ist sehr unabhängig davon, ob man ein Gründerduo ist oder nicht. Letztendlich muss das Mindset passen.

Christian: In einem kleinen Startup-Team ist es eben nicht der typische 9-to-5 Job. Die Mitarbeiter brauchen den Blick über den Tellerrand. Jeder in unserem Team betrachtet nicht nur seine Kernkompetenz, sondern hat immer das ganze Produkt im Blick. Jeder denkt Dinge mit, die ein anderer vielleicht übersieht. Dieser generalistische Ansatz, oder T-shaped skills, wird gebraucht. Dienst nach Vorschrift funktioniert in einem Startup-Team nicht gut.

Die guten Ideen kommen nicht immer während der Arbeitszeit

Gibt es bei euch dann überhaupt noch Freizeit?

Christian: Ja, absolut. Wir machen viele Aktivitäten und Teambuilding zusammen. Im Laufe der Jahre haben wir gemerkt: Die guten Ideen kommen nicht immer während der Arbeitszeit. Das kann einfach passieren. Wenn man Dienstzeit und Freizeit aber gewaltsam trennt, funktioniert das nicht gut. Bei uns gibt es deshalb komplett flexible Arbeitszeiten. Unsere Mitarbeiter müssen auch nicht immer im Büro sein, Homeoffice geht genauso. Sie sind aber gern im Büro, weil es einfach lustig ist im Team zu arbeiten.

Karin: Wir haben mittlerweile Freizeit. Das war aber nicht immer so. Es gab auch Zeiten, da haben wir wirklich rund um die Uhr gearbeitet. Auch am Wochenende ohne Pause.

Diese anstrengende Zeit war vermutlich in der Anfangsphase des Startups.

Karin: Genau. Da brennst du für die Idee und würdest am liebsten die ganze Zeit daran tüfteln. Unsere Work-Life-Balance war in dieser Zeit alles andere als ausgewogen. Erst nach und nach haben wir gemerkt, dass es wichtig ist, auch einmal von der Idee wegzugehen und Neues zu erleben. Dann kann wieder kreativ gearbeitet werden.

Danke für das Gespräch.

 

Übrigens:

Feedbackr sucht gerade nach neuen Mitarbeitern (auch als Projekt oder Freelance) für Graphikdesign und Softwareentwicklung. Wer Interesse hat, kann sich gerne bei Karin und Christian unter jobs@feedbackr.io melden.